Bielefeld Neustädter Marienkirche
Sonntag, 16. August 2026, 18.00 Uhr
Programm
Max Reger Fantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46 (1900)
(1877–1916)
Olivier Messiaen Messe de la Pentecôte (1950)
(1908-1992) Entrée : Les langues de feu (Die Feuerzungen)
Offertoire: Les choses visibles et invisibles (Die sichtbaren und die unsichtbaren Dinge)
Consécration: Le don de Sagesse (Die Gabe der Weisheit)
Communion: Les oiseaux et les sources (Die Vögel und die Quellen)
Sortie: Le vent de l’Esprit (Das Brausen des Geistes);
Felix Nowowiejski Sinfonie e–Moll op. 45 Nr. 5 (1929)
(1877 – 1946) Allegro serioso
Andante ('Stella matutina' - 'Morgenstern')
Passacaglia
Rudolf Innig, Orgel
Gedanken zum Programm
Max Regers Fantasie und Fuge über B-A-C-H ist das kühnste und monumentalste unter den Orgelwerken, die im 19. Jahrhundert Johann Sebastian Bach gewidmet wurden. Die vier Töne des berühmten Namenssymbols erklingen in der Fantasie in fünf verschiedenen Tondauern (von der Halbenote bis zum Zweiunddreißigstel): In ihren drei Steigerungsabschnitten sind sie in allen Stimmen präsent und reichen von einem chromatisch gefärbten 'Hintergrundrauschen' bis zum Super-Cantus-Firmus im Pedal, der sie im Fortissimo quasi in Stein meißelt. Als angemessenes Denkmal für den Leipziger Thomaskantor kam für Max Reger nur eine Doppelfuge in Betracht. Johann Sebastian Bach selbst war es bekanntlich nicht vergönnt, die letzte Fuge seines monumentalen 18-sätzigen Zyklus Kunst der Fuge zu vollenden, als er das erste Fugenthema mit den Tönen seines Namens zu seiner Doppelfuge verbunden hatte. Regers fünfstimmige Doppelfuge beginnt sehr leise und langsam, quasi im alten Stil. Erst mit der durchgehenden Achtelbewegung des zweiten Themas beschleunigt sich das Tempo immer mehr, bis die Fuge im Fortissimo abbricht und - nach einer Generalpause -mit einer letzten Proklamation des Namens B-A-C-H in den Oberstimmen endet.
Der zweite Weltkrieg hat in der Musik von Olivier Messiaen deutliche Spuren hinterlassen. Als Kriegsgefangener (!) komponierte er in deutscher Lagerhaft in Görlitz 1941 sein Quartett auf das Ende der Zeit, sein 1944 veröffentlichtes Buch Technik meiner musikalischen Sprache zog danach in Verbindung mit seinen avantgardistischen Kompositionen junge Studierende aus aller Welt magnetisch nach Paris. Die Pfingstmesse (1950) ist Messiaens erster Orgelzyklus nach dem Ende des Krieges. Der äußeren Form nach orientiert sie sich an den fünf Sätzen des katholischen Messordinariums, ihre Musik ist das Ergebnis mehrjähriger Orgelimprovisationen am Ende der sonntäglichen Messen, die er mit einem Tonband aufzuzeichnen pflegte. Messiaen setzt dem Chaos der realen Welt eine strikte Ordnung in der Welt seiner Musik entgegen, um das Sichtbare und das Unsichtbare auszudrücken. Dabei verwendet er alle ihm bekannten kompositionstechnischen Mittel: griechische Versmaße, indische Rhythmen, gregorianische Melodien, Zwölftonreihen, seine eigene Tonreihen, die Modi mit begrenzter Transpositionsmöglichkeit und erstmals (im vierten Satz) genau bezeichnete Vogelstimmen. Vieles davon bleibt auch aufmerksamen Zuhörer*innen verborgen, aber in der radikalen Modernität seiner Harmonien, Klangfarben und Rhythmen lässt sich die kristallklare Schönheit ihrer Strukturen erahnen.
Der Name des polnischen Komponisten Felix Nowowiejski (1877-1946) hätte heute in der spätromantischen sinfonischen Orgelmusik einen ähnlich glänzenden Klang wie der von Charles-Marie Widor (1844-1937) oder Louis Vierne (1870-1937), wenn es den Zweiten Weltkrieg mit seinen Schrecken und der folgenden, fast 50 Jahre andauernden Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang nicht gegeben hätte. In seinen Orgelwerken, vor allem in seinen neun Orgelsinfonien op. 45 und den Vier Konzerten für Orgel Solo op. 56 verbinden sich die Einflüsse der deutschen Musiktradition (Nowowiejski lebte viele Jahre in Berlin und studierte dort Komposition bei Max Bruch) und der sinfonischen französischen Orgelmusik, die er in Paris kennengelernt hatte, mit der charakteristischen polnischen Melancholie. Seine neun Sinfonien zählen zu den bedeutendsten Werken der spätromantischen sinfonischen Orgelliteratur.
Die Sinfonie e-Moll op. 45 Nr. 5 beginnt mit einem ausgedehnten Sonatensatz. Dem Hauptthema im Fortissimo stellt Nowowiejski als zweites Thema im Piano das polnische Kirchenlied über den 91. Psalm Wer im Schutz des Höchsten wohnt gegenüber. Die fugierte Durchführung wird durch das Hauptthema bestimmt. In der Reprise erklingen beide Themen - verbunden mit virtuosen Passagen - gleichzeitig. Der Satz endet im Organo Pleno mit einem Zitat beider Themen. Der zweite Satz Andante erinnert an den Anfang der Sinfonie und bleibt harmonisch in der Schweben zwischen e- und a-Moll. Im dritten Satz greift Nowowiejski zum einzigen Mal in seiner sinfonischen Orgelmusik die barocke Form der Passacaglia auf, jene Variationsform, in der auch Johann Sebastian Bach, Josef Gabriel Rheinberger oder Max Reger bereits herausragende Meisterwerke für die Orgel komponiert hatten. Nach einer majestätischen akkordischen Introduktion im Organo Pleno stellt Nowowiejski sein achttaktiges Thema im Pianissimo im Bass vor und entwickelt daraus 16 Variationen unterschiedlichsten Charakters. Die letzte von ihnen kombiniert das Thema ungewöhnlicherweise mit brillanten Pedal-Kadenzen. Eine kurze Coda zitiert im verlangsamten Tempo noch einmal das Hauptthema des ersten Satzes. (Dr. Rudolf Innig)