Bielefeld Neustädter Marienkirche

Sonntag, 16. August 2026, 18.00 Uhr

 

Programm

 

Max Reger                      Fantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46 (1900)

(1877–1916)

 

Karol Szymanowski       Etüde b-Moll op.4 Nr. 3 (1937)             

(1882-1937)                     Bearbeitung für Orgel von Rudolf Innig

                                         

 

Felix Nowowiejski          Sinfonie e–Moll op. 45 Nr. 5 (1929)

(1877 – 1946)                   Allegro serioso                                              

                                         Andante ('Stella matutina' - 'Morgenstern')

                                          Passacaglia

Rudolf Innig, Orgel

(www.rudolf-innig.de)

 

Gedanken zum Programm

Max Regers Fantasie und Fuge über B-A-C-H ist das kühnste und monumentalste unter den Orgelwerken, die im 19. Jahrhundert Johann Sebastian Bach gewidmet wurden. Die vier Töne des berühmten Namenssymbols erklingen in der Fantasie in fünf verschiedenen Tondauern, von der Halbenote bis zum Zweiunddreißigstel: In ihren drei Steigerungsabschnitten sind sie in allen Stimmen präsent und reichen von einem chromatisch gefärbten 'Hintergrundrauschen' bis zum Super-Cantus-Firmus im Pedal, der sie im Fortissimo quasi in Stein meißelt. Als angemessenes Denkmal für den Leipziger Thomaskantor kam für Max Reger nur eine Doppelfuge in Betracht. Johann Sebastian Bach selbst war es bekanntlich nicht vergönnt, die letzte Fuge seines monumentalen 18-sätzigen Zyklus Kunst der Fuge zu vollenden, als er das erste Fugenthema mit den Tönen seines Namens zu seiner Doppelfuge verbunden hatte. Regers fünfstimmige Doppelfuge beginnt sehr leise und langsam, quasi im alten Stil. Erst mit der durchgehenden Achtelbewegung des zweiten Themas beschleunigt sich das Tempo immer mehr, bis die Fuge im Fortissimo nach einer Generalpause mit einer letzten Proklamation des Namens B-A-C-H in den Oberstimmen endet.

Karol Szymanowski (1882-1937) lebte wie der fast gleichaltrige Felix Nowowiejski (1877-1946) zur Zeit der beiden großen Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Danach teilte der Eiserne Vorhang Europa künstlich in eine östliche und eine westliche Hemisphäre und beendete die über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Einheit in den verschiedenen Lebensbereichen. In ihren Werken wie in ihren Biografien schwingt die tiefe Verbundenheit mit ihrer polnischen Heimat mit: Der 'polnische Impressionist' Karol Szymanowski kehrte zu Beginn des ersten Weltkrieges von Wien aus in seine Heimatstadt Warschau zurück, wo er 1927 zum Rektor der Musikakademie (heute: Universität der Künste) ernannt wurde. Aufgrund einer Lungenkrankheit gab er diese Stellung 1931 auf und übersiedelte in den Höhenkurort Zakopane, später in die Schweiz, wo er 1937 starb.

Felix Nowowiejski, der in Polen als der Chopin der Orgel gilt, verließ am Ende des Ersten Weltkrieges Berlin, um als Dozent am Musikkonservatorium in Poznań am Wiederaufbau des kulturellen Lebens mitzuwirken. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges floh er 1939 nach Krakau, wo er bis zu dessen Ende versteckt lebte. Nach einer schweren Erkrankung kehrte er nach Poznań zurück, wo er 1946 starb.

Für beide Komponisten war es noch selbstverständlich, in den europäischen Zentren Paris, Berlin, London oder Wien ihre Musiker-Kollegen wie Maurice Ravel, Igor Strawinsky oder Charles Marie Widor zu treffen und sich auszutauschen: So ist die Klavieretüde b-Moll Szymanowskis vom französischen Impressionismus beeinflusst, die Orgelwerke Felix Nowowiejskis von der in Frankreich entstandenen sinfonischen Orgelmusik. Neben ihrer Virtuosität sind ihre Kompositionen von jener unverwechselbaren Melancholie geprägt, die sich den ersten Worten der polnischen Nationalhymne ausdrückt: Jeszcze Polska nie zginęła Kiedy my żyjemy (Noch ist Polen nicht verloren solange wir leben.

Aus heutiger Sicht haben die spätromantischen sinfonischen Orgelwerke von Felix Nowowiejski ein ähnliche Bedeutung wie die von Charles-Marie Widor (1844-1937) oder Louis Vierne (1870-1937). In seinen neun Orgelsinfonien op. 45 und den Vier Konzerten für Orgel Solo op. 56 verbinden sich die Einflüsse der deutschen Musiktradition (Nowowiejski lebte viele Jahre in Berlin, wo er Komposition bei Max Bruch studierte) und der sinfonischen französischen Orgelmusik, die er in Paris kennengelernt hatte.

Die Sinfonie e-Moll beginnt mit einem ausgedehnten Sonatensatz. Dem Hauptthema im Fortissimo stellt Nowowiejski als zweites Thema im Piano das polnische Kirchenlied Wer im Schutz des Höchsten wohnt gegenüber. Die fugierte Durchführung wird vom Hauptthema geprägt. In der Reprise erklingen beide Themen im doppelten Kontrapunkt gleichzeitig. Der Satz endet im Organo Pleno mit einem Zitat beider Themen. Der zweite Satz Andante erinnert an den Anfang der Sinfonie und bleibt harmonisch in der Schwebe zwischen e- und a-Moll. Im dritten Satz greift Nowowiejski zum einzigen Mal in seiner sinfonischen Orgelmusik die barocke Form der Passacaglia auf, jene Variationsform, in der auch Johann Sebastian Bach, Josef Gabriel Rheinberger oder Max Reger zuvor herausragende Meisterwerke für die Orgel komponiert hatten. Nach einer majestätischen Introduktion im Organo Pleno stellt Nowowiejski sein achttaktiges Thema im Pianissimo im Bass vor und entwickelt daraus 16 Variationen unterschiedlichsten Charakters. Die letzte von ihnen kombiniert das Thema ungewöhnlicherweise mit brillanten Pedal-Kadenzen. Eine kurze Coda zitiert im verlangsamten Tempo noch einmal das Hauptthema des ersten Satzes.                      (Dr. Rudolf Innig)