Lüneburg, St. Nicolai-Kirche
Freitag, 28. August 2026, 20.00 Uhr
Programm
Max Reger Fantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46
(1877–1916)
Felix Mendelssohn Sonate c-Moll op. 65 Nr. 2 (1844)
(1809 – 1847) Grave
Adagio
Allegro maestoso e vivace
Allegro moderato (Fuga)
Felix Nowowiejski Sinfonie e–Moll op. 45 Nr. 5 (1929)
(1877 – 1946) Allegro serioso
Andante ('Stella matutina' - 'Morgenstern')
Passacaglia
Rudolf Innig, Orgel
Gedanken zum Programm
Max Regers Fantasie und Fuge über B-A-C-H ist das kühnste und monumentalste unter den Orgelwerken, die im 19. Jahrhundert Johann Sebastian Bach gewidmet wurden. Die vier Töne des berühmten Namenssymbols erklingen in der Fantasie in fünf verschiedenen Tondauern (von der Halbenote bis zum Zweiunddreißigstel): In ihren drei Steigerungsabschnitten sind sie in allen Stimmen präsent und reichen von einem chromatisch gefärbten 'Hintergrundrauschen' bis zum Super-Cantus-Firmus im Pedal, der sie im Fortissimo quasi in Stein meißelt.
Als angemessenes Denkmal für den Leipziger Thomaskantor kam für Max Reger nach der Fantasie nur eine Doppelfuge in Betracht. Johann Sebastian Bach selbst war es bekanntlich nicht vergönnt, die letzte Fuge seines monumentalen 18-sätzigen Zyklus Kunst der Fuge zu vollenden, als er das erste Fugenthema mit den Tönen seines Namens im doppelten Kontrapunkt verbunden hatte. Regers fünfstimmige Doppelfuge beginnt leise und langsam, quasi im alten Stil. Erst mit der durchgehenden Achtelbewegung des zweiten Themas beschleunigt sich das Tempo immer mehr, bis die Fuge im Fortissimo abbricht und - nach einer Generalpause -mit einer letzten Proklamation des Namens B-A-C-H in den Oberstimmen endet.
Felix Mendelssohn ist vor allem die Wiederentdeckung der Werke Johann Sebastian Bachs zu verdanken: Sie begann mit der (gekürzten) Aufführung der Matthäus-Passion im März 1829 und setzte sich 1840 mit seinem legendären Orgel-Benefizkonzert zugunsten des Bach-Denkmals vor der Leipziger Thomaskirche fort. Als weitere Hommage wollte er seine eigenen Orgelwerke ursprünglich unter dem Titel Neues Orgelbüchlein veröffentlichen. Doch seine vier (!) Verleger konnten ihn davon überzeugen, dass der Begriff Orgelsonate zeitgemäßer sei.
Fast 100 Jahre nach Bachs Tod begann mit den Sechs Orgelsonaten op. 65 von Felix Mendelssohn eine neue Epoche der deutschen Orgelmusik, in der sich die von Kirche und Liturgie geprägten Traditionen der Orgelmusik (Choralbearbeitungen, Präludien, Fugen) mit der neuen Musik seiner Zeit (Sinfonien, Klaviersonaten, virtuose Charakterstücke) zu echt poetischen neuen Formen (R. Schumann) verbanden.
Der Name des polnischen Komponisten Felix Nowowiejski (1877-1946) hätte heute in der spätromantischen sinfonischen Orgelmusik einen ähnlich glänzenden Klang wie der von Charles-Marie Widor (1844-1937) oder Louis Vierne (1870-1937), wenn es den Zweiten Weltkrieg mit seinen Schrecken und der folgenden, fast 50 Jahre andauernden Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang nicht gegeben hätte. Nowowiejski, der in Berlin u. a. Komposition bei Max Bruch studierte und dort viele Jahre als Organist und Chorleiter tätig war, entging nur knapp der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime: Die Zeit bis zum Ende des Krieges verbrachte er in Krakau im Untergrund. In seinen Orgelwerken, vor allem in seinen neun Orgelsinfonien op. 45 und den Vier Konzerten für Orgel Solo op. 56 verbinden sich die Einflüsse der deutschen Musiktradition und der sinfonischen französischen Orgelmusik, die er in Paris kennengelernt hatte, mit der charakteristischen polnischen Melancholie. Seine neun Sinfonien zählen zu den bedeutendsten Werken der spätromantischen sinfonischen Orgelliteratur.
Die Sinfonie e-Moll op. 45 Nr. 5 beginnt mit einem ausgedehnten Sonatensatz. Dem Hauptthema im Fortissimo stellt Nowowiejski als zweites Thema im Piano das polnische Kirchenlied über den 91. Psalm Wer im Schutz des Höchsten wohnt gegenüber. Die fugierte Durchführung wird durch das Hauptthema bestimmt. In der Reprise erklingen beide Themen - verbunden mit virtuosen Passagen - gleichzeitig. Der Satz endet im Organo Pleno mit einem Zitat beider Themen. Der zweite Satz Andante erinnert an den Anfang der Sinfonie und bleibt harmonisch in der Schweben zwischen e- und a-Moll. Im dritten Satz greift Nowowiejski zum einzigen Mal in seiner sinfonischen Orgelmusik die barocke Form der Passacaglia auf, jene Variationsform, in der auch Johann Sebastian Bach, Josef Gabriel Rheinberger oder Max Reger bereits herausragende Meisterwerke für die Orgel komponiert hatten. Nach einer majestätischen akkordischen Introduktion im Organo Pleno stellt Nowowiejski sein achttaktiges Thema im Pianissimo im Bass vor und entwickelt daraus 16 Variationen unterschiedlichsten Charakters. Die letzte von ihnen kombiniert das Thema ungewöhnlicherweise mit brillanten Pedal-Kadenzen. Eine kurze Coda zitiert im verlangsamten Tempo noch einmal das Hauptthema des ersten Satzes. (Dr. Rudolf Innig)